Lothar Stauch
Ramona Deckert: Als ich im Frühjahr 1996 von Klingenthal nach Auerbach umzog, gab es die Nikolaikirche als Kultureinrichtung in der Stadt schon fast vier Jahre. Über die Jahre war ich öfters und gern zu verschiedensten Veranstaltungen und habe mich im feierlichen Ambiente bei Konzerten, Lesungen und Ausstellungen in den Räumlichkeiten der „Göltzschtalgalerie“ wohlgefühlt. Daraus entwickelte sich eine kleine Liebe und es entstand der Wunsch, diesen Ort als soziokulturellen Raum vielen Menschen nahezubringen. Mit Freude ging ich auf Spurensuche und erfuhr von Geschichte und Geschichtchen ringsum seine Erhaltung und Bewahrung im Wandel der Zeiten. Ganz besonders spannend war die Zeit der 1980er Jahre, als aus der kleinen, halb vergessenen Kirche eine Kultureinrichtung geplant und mit Engagement das bauliche Erbe gerettet wurde.
Nun, da die Nikolaikirche im Besitz der Stadt Auerbach ist, sollte sie stärker in den Fokus der Bürger gelangen. Das zu fördern ist mein Ziel und ich möchte auch bei Stadtführungen andere Menschen dafür begeistern.
Wenn man aus der Rodewischer Richtung kommend sich der Stadt Auerbach nähert, begrüßt weiß strahlend die Nikolaikirche den Besucher der Stadt. Städtebaulich ein Kleinod, steht das Kirchlein wie ein Stadttor dort am Fuße des Stadtparkhügels. Ursprünglich lag dieses Areal außerhalb der Stadtmauern von Auerbach.
Der Stadtschreiber Gregor Meusel gab seine Wiese 1553 im Tausch gegen ein anderes Grundstück her.
So erfolgte am 09. Oktober 1553 ein Eintrag im Stadtbuch: “Hans Meusel, Stadtschreiber zu Auerbach überlässt Rat- und Kirchenvorstehern zu Auerbach eine Wiese, Nahe dem Hospital gelegen, zur Anlegung eines Gottesackers, wofür ihm eine andere, die „Wirtzburgerin“ genannt, von den Vorstehern des Gemeindekastens erblich abgetreten wird.“ Hier nun wurde der neue Friedhof der Stadt angelegt. Die kleine Wegekapelle, in der die aus der Stadt ziehenden Kaufleute Fürbitte halten konnten, wurde zur Gottesackerkirche ausgebaut. Hier fanden die Begräbnisfeiern statt.
Nach 1780 war die Kirche so baufällig geworden, dass dort die Aufbahrung unter Lebensgefahr erfolgte (Pfarrer W. Ackermann 1792). Musste man doch damit rechnen, dass Bretter von der Decke fallen könnten. So wurden die verantwortlichen kirchlichen Instanzen davon in Kenntnis gesetzt, ein Neubau war dringend angemahnt, doch fehlte das Geld.
Der Stadtbrand von 1757, bei dem dreiviertel der Stadt in Schutt und Asche gelegt worden war, wirkte nach. Missernten sorgten für Hunger und Mangel.
Doch 1791, in der Hoffnung auf gute Ernteerträge, die sich dann auch so einstellten, wurde ein Neubau der Kirche finanziell möglich. Der Text von Pfarrer W. Ackermann, der am 5. Juli 1792 zur Einweihung des Kirchenneubaus in die goldene Kugel auf der Kirchturmspitze eingebracht wurde, berichtet von den Schwierigkeiten, den Spenden und der verbesserten wirtschaftlichen Lage der Stadt und erwähnt in diesem Zusammenhang auch die Mousselin-Weberei und die Stickerei („So unterblieb die Durchführung dieses Planes bis auf ruhigere und bessere Zeiten. Diese schenkte uns Gott endlich wieder im Jahr 1791, in welchem ... die Theuerung und Not wieder abnahm und die Nahrung wuchs.”). Auch wurde in der Schrift das Können des Baumeisters Christian F. Schönfuß, Bürger und Mauermeister aus Falkenstein als geschickt gewürdigt. Als Ursprung der Steine für den Bau gab Pfarrer Ackermann einen Steinbruch im Freudental an.
Die Nikolaikirche hatte nie eine eigene Gemeinde. Doch hatte sie nach dem Stadtbrand von 1834 eine Interimsfunktion. Hier fanden die Evangelischen Gottesdienste bis zur Kirchweihe des neogotischen Neubaus der St. Laurentius Kirche am ersten Adventssonntag 1839 statt. Auch diente sie ersatzweise den katholischen Glaubensbrüdern vor der Einweihung der katholischen Kirche „Zum Heiligen Kreuz“ am 13.Juni 1916 als Gebetshaus.
Im Jahre 1866 wurde das Kirchlein mit einem Aufwand von 1.600 Talern gründlich repariert und im Jahre 1893 für 3.900 Mark zu einer Aufbahrungshalle umgebaut. Dem folgte 1899 eine angemessene Ausschmückung im klassizistischen Stil.
Doch als dann der neue Friedhof der Stadt auf dem Lamnitzer angelegt wurde, verlor die Kirche an Bedeutung. Ab 1920 fanden keine Begräbnisse mehr statt. Nur die Toten der Erbbegräbnisse wurden noch beigesetzt, wie Kommerzienrat Karl Knoll, der im Jahre 1928 verstarb. Als auch das letzte Kaufgrab und die Erbbegräbnisse in den Friedhof am Lamnitzer umgebettet waren, stand die Kirche völlig leer.
In einem Schreiben vom 16. November 1942 wird erstmals der historische Wert der Kirche erwähnt und es wurde öffentlich über ihre denkmalgeschützte Einordnung nachgedacht. Ab den 1940er Jahren wurde immer wieder in die Kirche eingebrochen und letztendlich der gesamte Innenausbau der Kirche durch Vandalismus zerstört. So der barocke Kanzelalter von Gottfried Ulbrich aus Zwönitz aus dem Jahre 1701, und auch der Epitaph vom gleichen Meister aus dem Jahre 1703 verschwand.
1952 wurde die Kirche für 15.000 Mark erneut renoviert und man begann in den 1950er Jahren die Gräber und Grabstätten des alten Friedhofs einzuebnen und die Umfassungs-mauern einzureißen.
Die Kirche hatte für das Gebäude kein eigenes Nutzungsziel und vermietete sie als Lager an den Betrieb Technische Gebäudeausrüstung. Während dieser „Nutzung auf Verschleiß“ bis in die 1980er Jahre erfolgten keinerlei Reparaturmaßnahmen und die Kirche war dem Verfall preisgegeben.
Denkmalschützer und tatkräftige Handwerker begannen 1982 mit gezielten Aktionen das Kirchlein zu retten. In privater Initiative gingen sie daran, Bäume, die bereits durch das Dach wuchsen, zu beseitigen und das Dach zu sichern. Einer der maßgeblichen Drängler und Draufgänger war der Zimmermeister W. Günther. Der berichtete in einem rückblickenden Leserbrief von einer ersten Eingabe an den Staatsrat und einer darauf folgenden Aussprache bei E. Schuster, dem Vorsitzenden des Rats des Kreises Auerbach.
Der habe die Frage gestellt „Wer soll die Kirche bauen?“ Die Antwort von Günther sei gewesen: „Nicht Bäcker und Fleischer sondern Maurer und Zimmerleute.“ Er berichtete weiter, dass - ohne zu wissen, wer das Objekt finanziert - von der Firma R. Metzner ein Gerüst gestellt wurde. So konnte er den Dachboden betreten und sei von der Leistung seiner Vorfahren beeindruckt gewesen. Allerdings stellte er nach näherer Untersuchung fest, dass zwei Drittel der Dachtraufe bereits verfault waren. Daraufhin sei der Dachstuhl „mit dem bescheidenen und beschissenen Material, was man mir
als Kontingent zugeteilt hatte“ repariert worden. Damit war das Bauwerk zunächst wasserdicht.
Nach einer zweiten Staatsratseingabe von Günther stellte der Bezirk Sondermittel zur Verfügung und Günther bettelte, dass das Objekt auf seine Arbeitsliste gesetzt werden solle. Auch seien freiwillige Arbeitsstunden durch Mitglieder der NDPD geleistet worden. Als dann aber Mittel wegen Kapazitätenmangel nicht verbaut werden konnten und es zu Spannungen mit dem verantwortlichen Kreisdenkmalspfleger kam, zog sich Günther zurück.
Die Instandsetzung und Erhaltung der denkmalgeschützten Objekte benötigte viel handwerkliches Engagement, Zeit und Liebe zur Sache. Die brachte z.B. der Tischlermeister W. Putscher aus Treuen auf, als es darum ging, neue Kreuzsprossenfenster für die Nikolaikirche anzufertigen. Ebenso engagierte sich die Schlosserei A. Bühring aus Auerbach, die mit ihren Arbeiten maßgeblich an der Stabilisierung des Dachgebälks und der historisch angemessenen Gestaltung von speziellen Reparaturarbeiten beteiligt waren. In einem Freie Presse Artikel von 1988 wurde erwähnt, dass bereitgestellte Mittel oft nicht ausgeschöpft werden konnten, da sie nicht mit materiellen Leistungen, z.B. bei Tiefbau und Bau untersetzt waren.
Entscheidend für die Durchführung der sanierungstechnischen und gestalterischen Aufgaben war immer wieder die Bereitschaft der ausführenden Betriebe zusätzlich zu ihren „Planbeauflagungen” hier zu arbeiten.
All dieses Engagement musste gebündelt, organisiert und in gut überlegte bautechnische Abläufe integriert werden. Das dies in den 1980er Jahren gelang, ist maßgeblich mit einem Menschen verbunden, für den sein Beruf Berufung war. 1974 übernahm der engagierte Architekt Udo Müller (1936 - 2015) die ehrenamtliche Tätigkeit als Kreisdenkmalpfleger des Kreises Auerbach. Udo Müller hatte nicht nur baupraktisches Fachwissen und ein Feeling für historische Bausubstanz, sondern
besaß auch zeichnerisches Talent und konnte mit wenigen Bleistiftstrichen die charakteristische Schönheit eines Bauwerks zur Geltung bringen. Dieser Udo Müller formulierte 1983 eine denkmalpflegerische Zielstellung für die Nikolaikirche und es wurde eine Vereinbarung mit der Abteilung Kultur des Rates des Kreises Auerbach am 09.11.1983 bezüglich der „funktionellen, bautechnischen und technischen Untersuchungen über eine künftige Nutzung des Objektes“ getroffen.
Der Nikolaikirche gab der Architekt den Arbeitstitel „Galerie im Göltzschtal“. Es sollte eine Kultureinrichtung mit überörtlichem Charakter als nachgeordnete Einrichtung des Kreiskulturhauses werden. Die Planungen von Udo Müller gingen in den folgenden Jahren über die bloße Sanierung der Nikolaikirche hinaus. Vielmehr hatte er die Nutzung des Objektes mit notwendigem Funktionsausbau, Foyerbereich und repräsentativen Außenanlagen im Blick. Sein planerisches Konzept war bis ins Detail durchdacht und dazu gehörte ein „Mehrzwecksaal mit flexibler Bestuhlung“, „Galerien mit flexibler Ausstellungsnutzung“ wie auch ein Atriumhof als „Foyer im Freien“.
Zu jener Zeit, in den Jahren von 1982 bis 1985, als die Arbeiten an der Nikolaikirche geplant und vorangetrieben wurden, war die evangelisch-lutherische Kirchgemeinde noch Eigentümer. Da sie keine Verwendung für die Kirche besaß, verkaufte sie diese 1986 an den Kreis Auerbach. Auf der Grundlage des Gesetzes zur „Erhaltung der Denkmale der DDR“ (Denkmalpflegegesetz vom 18. Juni 1975) erfolgte im Jahre 1986 eine Neufassung der Kreisdenkmalpflegeliste und deren Bestätigung durch den Kreistag. Selbstverständlich war die Nikolaikirche darin aufgenommen.
Eine wichtige Grundlage für die Rettung der Nikolaikirche war die Gründung der
„Interessengemeinschaft zur Erhaltung und Wiedernutzbarmachung der Nikolaikirche“ durch die Gesellschaft für Denkmalspflege. Auf Einladung des Vorsitzenden der Kreisdenkmalspflege Udo Müller fand im April 1983 die Gründungsversammlung der Interessengemeinschaft im Beratungsraum des Kreissekretariats des Kulturbundes am Altmarkt 4 in Auerbach statt. Frau Schellenberg, die damalige Leiterin der Abteilung Kultur beim Rat des Kreises begrüßte die Anwesenden. Im Verteiler zur Versammlung waren neben den Verantwortlichen aus dem Rat des Kreise, dem Kreisbauamt und dem Stadtbauamt, der HAG und dem Kulturbund der Schlossermeister A. Bühring, der Zimmermeister W. Günther, der Dachdeckermeister S. Kölbel, der Klempnermeister K. Weisskopf, der Tischlermeister G. Lorenz und die Diplomingenieure R. Metzner, U. Leipoldt und U. Müller.
Später, als der Gewölbekeller im Altmarkt 2 von den Denkmalpflegern in 1.300 Stunden Eigenleistung saniert worden war, fanden dort ihre Zusammenkünfte statt. 1990 erschien die Bildreihe „Die Denkmale im Kreis Auerbach“ von Udo Müller. Als dieses Heft, unterstützt von der Abteilung Kultur des Kreises Auerbach herausgegeben wurde, war die Nikolaikirche bereits saniert und gerettet. Vermutlich erfolgte die feierliche Einweihung der Nikolaikirche im Juni 1990 kurz vor der deutschen Einheit. Doch ließ sich nirgendwo ein genaues Datum zu diesem feierlichen Akt finden.
Wenngleich aufgrund oft unzureichender finanzieller Mittel und fehlender Baukapazitäten mit den hinlänglich bekannten Materialproblemen sich die geplanten Maßnahmen über mehrere Jahre hinzogen,
konnten die Sanierungs- und Rekonstruktionsarbeiten am Kirchengebäude im Wesentlichen bis 1989 abgeschlossen werden. In dem Schriftstück „Ausführungen zur Aufgabenstellung der Galerie im
Götzschtal“ der Abteilung Kultur vom 13.06. 1989 wurde die Nutzung des Objektes für Ausstellungen und Konzerte festgelegt. Einer der Initiatoren für die Gründung einer Galerie war Dr. Helmut
Schubert, ein eh. Kunstpädagoge und Mitglied im Chemnitzer Künstlerbund. Das Landratsamt trat als Träger der „Göltzschtalgalerie Nicolaikirche" auf. Für die künstlerische Umsetzung der
Ausstellungen, sowie Beratung bei Veranstaltungen in der Galerie sollte ein Kunstverein ins Leben gerufen werden. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass dies nur mit dem Bau eines
Funktionsgebäudes einhergehen kann.
Am 28. August 1993 trafen sich in der Göltzschtalgalerie Nicolaikirche in Auerbach eine Gruppe von Künstlerinnen, Künstlern sowie Kunstinteressierten und gründeten den „Vogtländischen Kunstverein
Göltzschtal e. V.“ . Erster Vorsitzender war Dr. Helmut Schubert, erster Stellvertreter Lothar Stauch, Geschäftsführer Uwe-Torsten Höfer und dessen Stellvertreter Detlef Schöffler, der auch der
erste Leiter der Göltzschtalgalerie war. Damit wurde an den planerischen Vorgaben von 1982/1983 festgehalten, auch in der Wendezeit. Im Landkreis Auerbach wurden die Gelder (1,3 Mio Mark) für ein
Funktionsgebäude bereitgestellt.
Am 06. November 1992 wurde die Nikolaikirche als Galerie und Konzerthalle mit einem feierlichen Abend 200 Jahre nach ihrem Bau wiedereröffnet. Nun war das Landratsamt der Träger der „Göltzschtalgalerie Nicolaikirche“. Die erste Ausstellung wurde mit Bildern von Manfred Riedl und Exponaten der heimischen Töpferkunst aus der Werkstatt Helmut und Gisela Forner gestaltet. Ein Konzert für Jazzfreunde, veranstaltet vom Auerbacher Jazz-Club e.V., wurde ob seines Erfolges zum Stadtgespräch.