Regina Blechschmidt „Jahreszeiten“
Diese vertikale, schmale Stehle, Fassdaube ist aus Eichenholz, welches einen langen Prozess des Werdens und Reifens durchlaufen hat. Ich habe die Voder-und Rückseite mit Ölfarben bemalt. Beide Seiten sind in einem abstrakten Stil gehalten, mit eingeschnittenen Linien und Farbflächen die an Lebensverläufe erinnern soll, wobei die einzelnen Flächen durch dunkle, tiefere Konturen voneinander getrennt sind. Die Struktur des Holzes sollte erlebar und die ausgeprägte Maserung sowie feinen Risse erhalten bleiben. Die Farbverläufe und die Textur des Holzes sollen dem Werk eine lebendige und handwerkliche Anmutung vermitteln. R.B.2026
Eine Annäherung an das Werk:
Vor uns erstreckt sich ein Garten im Wandel. Die linke Tafel (vorn) ist ein Meer aus erdigen Tönen und gedämpftem Grün. Gebrochene Linien und scharfe Winkel formen hier eine Landschaft, die sowohl rau als auch zart wirkt. Es ist der Morgen, die Luft ist kühl und feucht. Hier, inmitten des aufkeimenden Lebens, erwacht die Seherin. Ihre Hände, obwohl nicht direkt sichtbar, sind durch die Art und Weise, wie die Formen um sie herum gewachsen und gestaltet sind, präsent – geschickt, gewohnt die Erde zu formen. Sie spürt die kühle Erde, das Versprechen des wachsenden Grün's, die sanften Linien, die bald mit Blüten übersät sein werden. Ihre Emotionen sind eine Mischung aus ruhiger Konzentration und stiller Vorfreude.
Die rechte Tafel (hinten) zeigt uns denselben Garten, aber im gleißenden Licht des späten Nachmittags oder frühen Abends. Ein feuriges Rot durchschneidet die Szene, wie ein flammender Sonnenuntergang oder vielleicht ein letztes Aufglühen der Tageshitze. Die Farben sind intensiver, das Blau des Himmels ist kräftiger, das Grün der Blätter fast schon leuchtend. Hier ist Erntezeit. Die Seherin, rückblickend, steht inmitten des Gedeihens. Die Formen um sie herum sind voller, runder, reifer. Das rote Band könnte die Reife der Früchte und Wein symbolisieren, die sie sammelt, oder die Leidenschaft, die sie in ihre Arbeit steckt. Die Energie des Moments ist spürbar – eine Energie der Fülle, des Erreichten, aber auch des Abschieds, da der Tag sich dem Ende neigt. Es liegt eine Melancholie in der Luft, aber auch eine tiefe Zufriedenheit, Stille und Harmonie. Sie blickt zurück auf den Morgen, auf das zarte Wachsen, und spürt die Erfüllung der Jahreszeiten. Die Geschichte ist die eines Zyklus, des Lebens einer Künstlerin und ihres Gartens. Sie begann mit der Hoffnung und der Arbeit des Säens am Morgen, ihrer Jugend und ihren Träumen. Nun, am Abend, erntet sie die Früchte ihrer Mühen, genießt die Fülle und denkt über den Weg nach, den sie und ihr Garten zurückgelegt haben. Die abstrakten Formen erzählen von der ständigen Veränderung, vom Werden und Vergehen, von der Schönheit die in jedem Stadium des Wachstums und der Reife liegt. Es ist eine stumme Ode an die Geduld, die Hingabe und die tiefe Verbundenheit zwischen Mensch und Natur. R.B.2026