Paul Singer (1896-1971)

 

 

FP (Auerbacher Zeitung) Ostern 1995

 

Verse-Drechsler Singer schwärmt vom „Paradies“

 

Lehrer Paul Singer einst in der Brandsiedlung zu Hause - Schüler erinnern sich

Von unserer Mitarbeiterin Christine Hensel

 

FALKENSTEIN. „Am Brand in der Siedlung da steht unser Haus, und nebenan breitet der Garten sich aus. Wir haben’s geschaffen, wir haben’s gebaut und uns immer noch mühend, der Zukunft vertraut. Zwei riesige Pappeln stehn unten am Zaun, drin allerlei Vögel die Nester sich baun. Und drüben erhebt sich der schweigsame Wald, hoch ragen die Stämme, sie fallen wohl bald.“

 

Diese einfachen herzlichen Zeilen schrieb einst Paul Singer, Lehrer in Falkenstein, wohnhaft in der Brandsiedlung, seiner Tochter Käte in eigener Erinnerung in ein Buch, das weitere zahlreiche Verse enthält. Die gereimten Zeilen geben Aufschluss über einen Menschen, der sich in der Brandsiedlung einst sein Haus und sein Leben aufgebaut hat. Ein Leben, an daß sich nicht nur Tochter Käte gut und gern erinnert, sondern auch ehemalige Schüler aus Falkenstein.

 

Paul Singer war ein geliebter Lehrer. Er war eine Autorität. In der Brandsiedlung lebt er heute noch in den Herzen seiner einstigen Mädchen und Buben, die er in der damaligen 2. Volksschule unterrichtete. Das Haus seiner Familie kündet noch heute von seinem Fleiß - und dem der Siedler, die einst das Land am Südwestrand von Falkenstein urbar machten, um zu überleben.

 

Paul Singer lebte in seinem selbsterbauten Haus von 1933 bis zu seinem Tode im Jahre 1971. Er wurde am 8. März 1886 in Oberreichenbach geboren und starb am 14. Oktober 1971. Franz Paul Singer wurde 85 Jahre alt. Er hat eine Unzahl von Tusch- und Federzeichnungen, Skizzen und mit Zeichnungen untersetzte Poesie hinterlassen, die von Natur- und Heimatliebe, von einem zufriedenen Leben in Fleiß und Bescheidenheit erzählen.

 

Zwei seiner einstigen Schüler leben noch in der Brandsiedlung am Winnweg. Es sind Johanna und Ruth Descher. Sie besuchten einst die 2. Volksschule in Falkenstein, die später die Max-Hoelz-Schule war und sich heute das Adolf- Trützschler-Gymnasium nennt.

 

Die Schwestern Descher kennen freilich noch ihren Lehrer Singer. Sie erinnern sich freudig und sofort an ihn: „Der Schulalltag bei Lehrer Singer war toll.“ Beide hatten bei Paul Singer das Fach Zeichnen. Und diese Stunde war bei allen schon deshalb beliebt, weil sogar die Rabauken der Klasse vor Paul Singer respektvoll den Hut zogen und die Mädchen so ihre Musestunde in aller Ruhe nutzen konnten. Johanna Descher schätzt ein, daß die Strenge von Paul Singer ganz einfach in seiner Persönlichkeit lag. Erinnern kann sich Johanna Descher auch gut an die Theateraufführungen, die Paul Singer mit selbst gemalten Kulissen ausstaffierte. Die Theater­stücke schrieb er auch selbst. Er engagierte sich, so Johanna Descher, sehr für kulturelle Belange. Paul Singer war „der Lehrer“ für die Rangen von einst.

 

Singers Tochter Käte Carol hatte ihren Vater auch zwei Jahre lang

 

selbst als Lehrer und weiß, daß er zu ihr „besonders streng war, aber herzensgut“. Sie kennt ihn als immer regen und fleißigen Mann. Sie erinnert sich nicht, ihn jemals echt ruhen gesehen zu haben.

 

Im Obst-und Siedlerverein am Brand sorgte er für die poetische Unterhaltung in den Versammlungen. Er war Hobbygärtner aus Leidenschaft. Er schrieb Gedichte über das Wachsen und Werden in den Gärten der Siedlung. Er lobte den Fleiß der Siedler in unzähligen Versen. Er schließt in einem Gedicht alle Siedler auf Falkensteiner Flur im schliechten Text- zusammen und reimt: „Mir Siedler von der Zeidelwaa, vom Pfarrlehn und vom Brand und von denn Scheefleacker aa; mir ham e Stückl Land. Mr hänge dra denn Stückl Land und unnern Siedlungshaus, mir treim dohier de ganzen Somg zen Gar- tentürle naus.“ Und immer wieder mit Stolz erklärt der im Herzen jung gebliebene Paul Singer auch: „Do is mei Land, do stett mei Haus, sett alles schie und urntlich aus: des Haus, dr Garten und de Wies, mei Haamt, mei Fraad, mei Paradies.“

 

Seine eigene Biographie, wie sollte es anders sein, verfaßt er gemäß seinem Naturell in Reimen und Bildern. Und schenkt sie der Tochter Käte zum Geburtstag im Jahre 1953.

 

Paul Singer, dessen Eltern Gastwirte waren, hatte sechs Geschwister. In seiner Jugendzeit half er als Kellner aus, war Kegelaufsteller, Würstleverkäufer und wurde nach der Zeit an der Stadtschule Realschüler. In Annaberg studierte er schließlich Pädagogik am damaligen Seminar. Dann wird er Lehrer in Falkenstein. Dazu schreibt er: „Viele Jungen, viele Mädchen aus dem hübschen Vogtlandstädtchen unterrichtet er getreulich und im ganzen auch erfreulich. Gern belehrt er kleine Leute, diese Arbeit macht ihm Freude. Zeichenstunden liebt er sehr, Rechnen fällt ihm auch nicht schwer. Schön dünkt ihm Biologie, auch Physik und die Chemie, ebenso die deutschen Stunden hat er immer schön gefunden. Nur Geschichte wird ihm sauer und verursacht Rückenschauer.“

 


 

So sah Paul Singer, viele Jahre Siedler am Brand, mit seinen Augen die Brandsiediung. Mit Farbe und Pinsel hielt er in unendlich viel Grün in vielen gemalten Bildern sein Zuhause, sein selbsternanntes Paradies und die damalige neue Heimat vie­ler Falkensteiner fest. Paul Singer wirkte in der Siedlung bis 1971. Er war Lehrer in Falkenstein. Repro: Dietz

 

 

 

 

 

 


 

FP (Auerbacher Zeitung) Ostern 1995

 

Stadtteilgeschichte

 

Aus der Chronik: „Das Land Peru“

„Wie seinerzeit e Wäldel stund,

dös liebe Stückel Land,

wu Schwanmmegeecher durchgestraaft,

dös is de Siedlung „Brand“.

Do hinnem Lochstaa zett sich

of Grübach zu schreegnauf,

und weiter drüm ben Teich,

dran Wald, do härt se auf.

Wer von dr Stadt zen „ Winn“ spaziert,

der kimmt dora vorbei,

do be dr Eck, do muß r naus

                  do bei dr Schei. “

         Paul Singer

 

 

(chh). Nicht besser könnte die Lage der Falkensteiner Brandsiedlung ein Geschichtsschreiber in der Chronik festhalten - zumindest nicht verständlicher und herzlicher, als es der Lehrer Paul Singer getan hat, der einst ein Häuschen in der Brandsiedlung sein eigen nennen konnte.

 

In den wenigen Zeilen wird an den schweren Anfang der Siedler von einst erinnert. Das soll in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise gewesen sein. In den Jahren 1928 bis 1932 reisten viele Menschen aus Not nach Übersee, um dort einen neuen Anfang zu wagen. Die Falkensteiner, die im Vogtland keine Chance mehr sahen, um ihr Brot zu verdienen, gingen nach Peru. Die Heimatverbundenen blieben.

 

Sie bauten sich „ihr Peru“ in einer Siedlung am Südwestrand von Falkenstein auf. Und nannten die wachsende Brandsiedlung scherzhaft „unner Land Peru“. Der Wald wurde gerodet, die Fläche abgebrannt. Daher stammt der spätere Siedlungsname „Brand“. Bis heute ist der Name, der für viel Fleiß und Schweiß der vor allem ersten Siedler steht, geblieben. Wer aus Richtung Oelsnitz nach Falkenstein kommt und so den südwestlichen Rand der Stadt erreicht, kann einen Abstecher durch das urbar gemachte „Land Peru“, der heutigen Brandsiedlung, machen.

 

Die Bewohner der Siedlung wünschen sich heuer vor allem sanierte Straßen. Das weiß Reiner Floß, der im Parlament Falkenstein als Abgeordneter arbeitet und als Bauunternehmer den Wohnpark am Brand wachsen lässt.



ILLUSTRATIONEN: "Marie Singer" Weihnachten 1954